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Gase als Partydrogen und Jahrmarktsbelustigung

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts konnte man von einer Operation
ohne Schmerzen nur träumen. 1839 schrieb der berühmte französische Chirurg Louis
Velpeau: "Die Vermeidung von Schmerzen bei Operationen ist eine märchenhafte
Vorstellung und man sollte sich heute nicht mehr damit abgeben." Die meisten
seiner Zeitgenossen gaben ihm dabei Recht. Kaum einer ahnte, dass die scheinbar
vergebliche Hoffnung auf schmerzfreie Operationen bald erfüllt werden sollte –
und dass die Mittel dazu bereits vorhanden waren. Denn zwei Gase, die schon zu
Velpeaus Zeiten als Partydrogen, auf Jahrmärkten oder in Varietés für
Belustigung sorgten, sollten bald in den Dienst der Medizin treten: Lachgas und
Äther.
Vom Varieté in die Zahnarztpraxis: Selbstversuche mit Lachgas

Am 10. Dezember des Jahres 1844 besuchte der Zahnarzt Horace
Wells (1815-1848) in der Kleinstadt Hartford nahe Boston eine solche
Varieté-Vorstellung. Dabei beobachtetet er etwas Sonderbares: Ein Mann zog sich
im Lachgasrausch eine große Wunde im Unterschenkel zu, schien dabei aber
keinerlei Schmerz zu empfinden. Niemand sonst fiel diese merkwürdige Begebenheit
auf. Doch Wells ließ gleich am nächsten Tag den Varieté-Chef, einen gewissen
Colton, in seine Praxis kommen und sich mit Lachgas betäuben. Ein Weisheitszahn,
der ihn selbst seit längerem plagte, sollte die Probe aufs Exempel abgeben. Die
Operation glückte – Wells spürte bei der Extraktion des Zahns durch seinen
Gehilfen nur ein schwaches Ziehen
Die erste Lachgas-Narkose war ein peinlicher Fehlstart

Danach testete der Zahnarzt seine Entdeckung erfolgreich an
Dutzenden seiner Patienten, bevor er fünf Wochen später, am 25. Januar 1845, an
die Öffentlichkeit ging. Im Massachusetts General Hospital in Boston sollte die
narkotisierende Wirkung von Lachgas vor dem berühmten Chirurgen John Collin
Warren und anderen wichtigen Persönlichkeiten demonstriert werden. Doch die
Vorführung misslang: Wells musste den Ballon mit dem Lachgas zu früh
zurückziehen, weil der Chirurg auf einen raschen Beginn des Eingriffs drängte.
Die Dosis war zu gering, der Patient schrie auf vor Schmerz und Horace Wells
musste unter Hohngelächter den Hörsaal verlassen.
Die Geburtsstunde der modernen Anästhesie

Inzwischen hatte ein ehemaliger Angesteller und Schüler von
Wells, William Thomas Green Morton (1819-1868), das Potenzial von Wells'
Entdeckung erkannt und ebenfalls mit Untersuchungen zur Anästhesie begonnen.
Allerdings benutzte er nicht Lachgas wie Wells, sondern experimentierte mit
Äther, einem leichter verfügbaren, da flüssigen Stoff. Nach zahlreichen
Ätheranästhesien an seinen Patienten wandte er sich wie vor ihm Wells an den
berühmten Chirurgen Warren, um mit seinem Verfahren an die Öffentlichkeit zu
gehen. Morton erkannte, dass Äther als Dampf aus einem geschlossenen Behälter
eingeatmet werden sollte. Bisher hatte man ihn auf ein Taschentuch geträufelt,
Morton entwickelte einen Glaskolben mit zwei Öffnungen. In diesem befand sich
ein äthergetränkter Schwamm. Der Patient atmete durch diesen Glaskolben hindurch
die Mischung aus Luft und Äther ein, die Ausatmung erfolgte über ein Ventil. Das
erste halboffene Narkosesystem war geboren. Morton ließ einen Patienten, einen
zwanzigjährigen Druckergehilfen, drei Minuten lang Luft aus dem Glaskolben
einatmen. Der Mann wurde bewusstlos, und der Chirurg schnitt einen Tumor an
seinem Hals in wenigen Minuten heraus. Am Ende der Prozedur stöhnte der Patient,
doch nach dem Aufwachen gab er an, keine Schmerzen gehabt zu haben. Am nächsten
Tag wurde das Verfahren erneut erprobt – abermals erfolgreich. Das Zeitalter der
modernen Anästhesie war angebrochen.
Siegeszug der Inhalationsnarkose
In Europa verbreitete sich die Kunde der ersten Äthernarkose
schnell, aber die Skepsis gegenüber der Möglichkeit von schmerzfreien
Operationen war so groß, dass man die Sache zunächst als typischen
"Yankee-Unsinn" abtat. Doch nach den ersten in Europa durchgeführten Narkosen
war der Siegeszug der Ätherbetäubung nicht mehr aufzuhalten. In der Folgezeit
schien zunächst das 1831 entdeckte Chloroform Äther als Inhalaltionsmittel der
Wahl zu verdrängen, doch es kam dabei immer wieder zu Todesfällen durch
Überdosierung, so dass sich ab den 1870er Jahren Äther endgültig durchzusetzen
begann. Auch Lachgas erlebte Ende des 19. Jahrhunderts eine Renaissance
Ende mit Selbstmord - unter Narkose
Horace Wells jedoch erlebte den Triumphzug der Anästhesie nicht
mehr. Nach der missglückten Lachgas-Demonstration hatte er seine Zahnarztpraxis
aufgegeben. Vergeblich versuchte er, als Erfinder der Inhalations-Narkose
anerkannt zu werden, doch im frisch entbrannten Streit um diesen Titel konnte er
sich nicht durchsetzen. Verbittert und durch viele Selbstversuche mit Lachgas,
Äther und Chloroform geistig zerrüttet kam Horace Wells nach einem Säureanschlag
auf zwei Prostituierte in das berüchtigte New Yorker Gefängnis ‚Tombs Prison'.
Hier beging er am 23. Januar 1848 Selbstmord: er schnitt sich die Beinschlagader
auf, zuvor hatte er sich mit Chloroform selbst betäubt
Quelle: WDR
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